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Kultureller Kern

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Der Architekturwettbewerb vor gut drei Jahren war eingebettet in den von Cukrowicz Nachbaur Architekten erstellten Masterplan zur Quartiersentwicklung. Das belebte Areal mit den bereits vorhandenen öffentlichen Bauten (Cubus, Mittelschule, Gemeindeamt) sollte durch passende Ergänzungen als zusammenhängende Quartiersmitte erlebbar werden, sich nach und nach zum Kultur- und Bildungscampus der Gemeinde entwickeln. Der Musikschule ist eine entscheidende ortsräumliche Stellung in dem neuen Gefüge zugedacht. Im Kreuzungsbereich der Schulstraße mit dem Sternenplatz bildet das Haus den prominenten Platzabschluss und dient als Drehgelenk zum historischen Dorfkern um die Kirche. Fink Thurnher Architekten haben die vorgesehene Rolle im Ortskonzept gut verstanden und eine gelungene Interpretation vorgelegt. Da das Musik- und Lesehaus einen wichtigen Part im Arrangement spielt, ist sein Auftritt entsprechend prominent und selbstbewusst. Zugleich ist es aber sehr darauf bedacht, sich in die Komposition einzuweben, sie mitzutragen. Seine Architektur ist wie ein kräftiger, klarer Grundakkord für das entstehende Gesamtwerk im Strohdorf.

Teamplay und Gemeinsamkeit sind auch Musikschuldirektor André Meusburger ein Anliegen. Kinder und Jugendliche sollen gemeinsam musizieren, Verantwortung füreinander übernehmen und zusammen Projekte entwickeln können. Mit dem Neubau sind dafür nun die besten Voraussetzungen geschaffen. Bislang war das Lehrangebot auf verschiedene Standorte verteilt, zum Teil in ungeeigneten Räumlichkeiten. „Jetzt ist alles sehr kommunikativ,“ freut sich der Flötist und Schulleiter, „wir haben alles unter einem Dach. Das wirkt sich sehr positiv aus.“ Überzeugend gelungen und für kommunales Bauen vorbildlich ist die Mehrfachnutzung des Gebäudes, das mit der Bücherei und Spielothek im Erdgeschoß das kulturelle Angebot am Ort verdichtet.

Damit werden Synergien genutzt, Anfahrtswege, Kosten und Ressourcen gespart. Nicht wenige werden die Gelegenheit nutzen, sich vor oder nach dem Unterricht mit Büchern einzudecken oder die Wartezeit auf den Bus oder das musizierende Kind mit Lektüre oder Spielen zu verbringen.

Es sind aber nicht die Funktionen allein, die ein Haus zum Anziehungspunkt machen. Wesentlichen Anteil daran, wie intensiv und gerne es genutzt wird, hat die Qualität seiner Gestaltung. Und die ist bei der Musikschule am Hofsteig sehr hoch. Fink Thurnher haben eine architektonische Einladung formuliert. Das Erdgeschoß öffnet sich nach allen vier Seiten. Glasflächen, Rücksprünge und Nischen wirken wie freundliche Gesten in die Umgebung. Der Einschnitt im Norden bietet ein ansprechendes Entrée Richtung Sternenplatz. Zur stark befahrenen Schulstraße, die im Rahmen des Masterplans als Begegnungszone „Hofsteig-Ader“ ebenfalls neu konzipiert worden war, ergibt sich eine geschützte Bushaltestelle. Im Süden und Osten verbinden Loggien die Bibliothek mit der von Markus Cukrowicz fein gestalteten Gartenfläche, die im Lauf der Jahre und mit dem Wuchs der Bäume an Attraktivität noch gewinnen wird.

Innen setzt sich die Mischung aus klarer Struktur und fließender Raumfolge fort. Ein Luftraum verbindet die drei Musikschulgeschoße zum vertikalen Foyer, das spannende Blickbeziehungen quer durch die Etagen bietet. Der leise Restschall aus den Zimmern mischt sich zum freundlichen Hausklang. Neben den 15 Unterrichtsräumen gibt es ausreichend Platz für die Arbeit in Workshop und Ensemble, für Verwaltung und Lehrpersonal. Dass das Gebäude nicht selbstbezüglich ist, sondern etwas mit der Gemeinde, mit der Umgebung zu tun haben will, zeigt sich auch an den Fenstern. Sie bieten nicht nur Licht und Sicht für innen, mit ihren breiten Messingrahmen sind die Glasflächen zugleich Schaukästen für draußen. Das ist Architektur, die das gemeinsame Tun motiviert und fördert, kultivierte Gestaltung, die die Menschen einlädt und am Geschehen teilhaben lässt. So soll öffentliches Bauen sein.

Daten & Fakten

Objekt Musikschule am Hofsteig, Wolfurt Bauherrschaft Gemeinde Wolfurt Architekten Fink Thurnher Architekten, Bregenz www.fink-thurnher.at Statik Andreas Gaisberger, Dornbirn; Prüfstatik: Hagen Huster, Bregenz Landschaftsplanung Markus Cukrowicz, Winterthur Fachplaner: HLS: GMI – Peter Messner, Dornbirn; Bauphysik | Gebäudesimulation: Bernhard Weithas, Lauterach; Brandschutz: K & M Brandschutztechnik, Lochau; Elektroplanung: Ludwig Schneider, Egg; Licht: Conceptlicht at, Mils | Zumtobel Lighting Austria; Geotechnik: 3P Geotechnik, Bregenz; Entwässerungsplanung: Rudhardt+Gasser, Bregenz; Sicherheits- und Gesundheitsschutzplanung: Hubertus Thurnher, Bregenz; Ökologische Freigabe: Spektrum, Dornbirn; Ökologische Bauleitung: Jürgen Kampl, Marktgemeinde Wolfurt; Bauleitung | Projektsteuerung: querschnitt pro12, Wolfurt; Grafik: umo kommunikationsdesign, Wolfurt Wettbewerb 2014 Ausführung 2015 – Herbst 2016 Nettogrundfläche 1422 m² Bruttogeschoßfläche 2135 m² Bauweise: Massivbauweise; Wandaufbau: Stahlbeton 20 cm | Steinwolle 18 cm | Luftschicht | Klinkerstein 10 cm bzw. Messingpaneele 4 cm; Holzeinbauten wie Böden und Akustikdecken: Eiche unbehandelt Ausführung: Baumeister: Zimmermann Bau, Bregenz; Elektriker: Theurer, Wolfurt; Installateur: Bernd Langer, Wolfurt; Lüftung: Gruber Klimatechnik, Wolfurt; Fenster: Hörburger, Roppen; Metallfassade: Spiegel Fassadenbau, Koblach; Estrich: Vigl & Strolz, Schoppernau; Ziegelfassade: Fabau, Bachmanning (OÖ); Parkett: Bechtold Rene, Weiler; Holzdecken und Wände: Frick Burtscher Holz, Dornbirn; Innentüren: Ferdinand Flatz, Hörbranz; Schlosser: Peter Figer Kunstschmiede, Bezau; u. a. Heizwärmebedarf 9 kWh/m² im Jahr

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich: vai Vorarlberger Architektur Institut Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

Quelle: http://www.vol.at/kultureller-kern/5246528

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