Lebensräume Gartenträume | schaffa.at | Das größte Vorarlberger Handwerkerportal
Home » Architektur in Vorarlberg » Lebensräume Gartenträume

Lebensräume Gartenträume

Share Button

Stellen wir uns Manhattan ohne Central Park vor. Die Metropole würde nicht funktionieren, wenn diese Vision nicht gedacht und verwirklicht worden wäre. Dass Architektur für den Ort gebaut wird und die Atmosphäre eines Bauwerkes im Zusammenhang mit dem Freiraum entsteht, ist erwiesen. Ebenfalls, dass die Lebensqualität einer Stadt, eines Ortes, einer Siedlung vom Zwischenraum bestimmt wird, der mit dem Gebauten entsteht. Dornbirn ist nicht mit NYC vergleichbar, doch es stand auch hier eine Idee am Anfang einer erfolgreichen Weichenstellung für die Stadtentwicklung. Mit dem Beschluss der Stadt Dornbirn, das Rüsch-Areal zu kaufen und im Endeffekt die Alte Naturschau in die brachliegenden Kubaturen der Montagehalle, Gießerei, Dreherei und der Schmiede zu siedeln und zur „inatura“ zu wandeln, sowie einen Gestaltungswettbewerb für eine öffentliche Grünanlage als „zentralen Erholungs- und Kommunikationsraum für die Dornbirner Bevölkerung und ihre Gäste“ auszuschreiben, war der Grundstein für ein neues, attraktives Wohnquartier in Zentrumsnähe gelegt. Rotzler Krebs Partner Landschaftsarchitekten aus der Schweiz konnten damals den Wettbewerb gewinnen und es war ein erstes rigoroses Parkprojekt in Vorarlberg.

Die umliegenden Wohnanlagen auf den Ölz-Gründen und dem Sägerei-Gelände entstanden erst später und nutzen heute so selbstverständlich die Gunst des Standortes am Stadtgarten. Worin könnte nun der Unterschied liegen, ein Haus oder einen Garten zu beschreiben? Es wird bei beiden um den Ort gehen, auf den das Werk reagiert, um die Atmosphäre, die geschaffen wird, die Funktionen, Materialität, vielleicht wird es aber bei der Landschaftsarchitekturvermittlung poetischer.

Hauptthemen bei der Anlage des Stadtgartens wären die Geometrie der Fabrikanlagen und der unterirdische Kanal gewesen, berichtet Matthias Krebs. Im 18. Jahrhundert legte man einen künstlichen Mühlbach für Wasserkraft an. Aus Sicherheitsgründen war es beim neuen Park nicht möglich, den Wasserlauf zugänglich zu machen. Die Landschaftsarchitekten schaffen jedoch über Interventionen die Reminiszenz. Ein Wasserrad als Installation neben dem Museum schaufelt kontinuierlich Wasser aus dem Becken und lässt es wieder hinein platschen. Es gibt Kanalfenster und dann wieder grotesk im Weg stehende Horchrohre. Edukative Erklärungen sind bewusst vermieden, es geht um das Einlassen mit allen Sinnen. Nach dem für das ganze Industriegelände so prägenden, aber verborgenen Kanal richten sich der Verlauf von Baumreihen und die feldartig organisierten Parkräume. Wasser bestimmt auch den Museumsgarten im hinteren Bereich des Geländes. Das klargefasste, mit Seerosen und Binsen bepflanzte Betonbecken, zusammen mit der berankten Pergola, lässt die Menschen in eine andere Welt versinken und zur Ruhe kommen. Angrenzend daran eine Sukzessionsfläche mit Pionierpflanzen wie Königskerzen, Natternkopf und Disteln, die als Wildnis einen deutlichen Kontrast bilden. Die Spielwiese zur Nachbarschaft ist ebenfalls mit schnellwachsenden Birken bepflanzt, dort war also gleich am Anfang schon ein „richtiger“ Park.

Der Zugangsbereich folgt wieder klaren Linien und einer strengen Ordnung. Bäume aus aller Welt, nach Kontinenten geordnet, bilden eine imaginäre Weltkarte. Ginkgo, Blauglöckchenbaum, Esche, Scharlach-Eiche und unzählige andere Gehölze entfalten mit ihren Blättern und Baumkronen ganz unterschiedliche räumliche Stimmungen. Alles läuft auf den zentralen, elegant-urbanen Hofraum zu, der zwischen den alten Gemäuern, wo der Kunstraum untergebracht ist, und der inatura entsteht. Kommt man vom Parkplatz her, durchquert man auf verschlungenen Wegen den verwilderten Fabrikantengarten mit alten Koniferen und Parkbäumen, umfasst von Buchshecken und weißblühenden Strauchrosen. Zur Straße hin wird der Stadtgarten wieder präzise gerahmt. In Erinnerung an die ehemals harte Abgrenzung des Industriegeländes bilden die hohen, schräg gestellten Stahlstaketen einen durchlässigen räumlichen Abschluss.

Und der Kinderspielplatz? Dieser nimmt die heutige Tendenz zur Spiellandschaft vorweg. Etwas abgelegen bilden Weidenhecken vielschichtige Inseln, die durch Kriechrohr und höhenmäßig kindgerechte, bunte Eingangstunnel zu erreichen sind, verhangen mit der kitzelnden Pflanzenschicht aus Chinaschilf. Und plötzlich tun sich doch die grünen Kammern mit Sandplatz, Schaukel und Rutschen auf. Gartenträume werden wahr.

Daten & Fakten

Projekt Stadtgarten bei der inatura, Dornbirn Bauherr Stadt Dornbirn Landschaftsarchitektur Krebs und Herde Landschaftsarchitekten Winterthur | vormals Rotzler Krebs Partner Landschaftsarchitekten www.rkp.ch Architektur inatura Arbeitsgemeinschaft Dietrich | Unter; trifaller, Bregenz und Kaufmann-Lenz, Schwarzach Wettbewerb 2000 (1. Preis) Planung 2001 Ausführung 2003 Fläche 23.500 m² Parkzonen Arboretum; Rüschhof vor der inatura; Wassergarten; Spielwiese; Dornrös-chengarten; Kanalplatz; Spielplatz; Museumsgarten Besonderheiten Aboretum: Gehölzsammlung in Baumlinien zusammengefasst, Bäume von allen Kontinenten als imaginäre Weltkarte Ausführung Projektteam: Matthias Krebs, Simon Schweizer, Stefan Rotzler; Bauleitung: Kurt Rau Landschaftsarchitekt, Ravensburg (D) Baukosten (1-6) ca. 1,16 Mill. Euro

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich: vai Vorarlberger Architektur Institut Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

Quelle: http://www.vol.at/lebensraeume-gartentraeume/5418518

Ähnliche Artikel

Interview mit
Architektin DI Patricia Ramersdorfer

Vor Kurzem traf ich zufällig auf die Architektin DI Patricia... weiterlesen...

Ein Zwischenort mit Aufenthaltsqualitäten

Obwohl der Bau der Sägerbrücke Landessache war, war es der... weiterlesen...

Doppelt verdichtet

Ihre Architektin, Helena Weber, fand das bauwillige Paar auf der... weiterlesen...

Ein Firmensitz wie ein Gebirge

Die Geschichte von Doppelmayr ist eine Erfolgsstory der Sonderklasse. 1893... weiterlesen...

Ferienhaus in Fontanella

Es ist eine Liebesgeschichte, die vor dreißig Jahren begann. Damals... weiterlesen...

Vom Wert der Dinge

Kultur wird von Menschen gemacht. Dafür braucht es lebendige Strukturen.... weiterlesen...

Hier spielt die Musik!

Nicht alles ist von Dauer. Temporäre Architektur nennt man Architekturkonzepte... weiterlesen...

Fast ein Solitär

Die Lage ist super: nur drei Minuten zu Fuß vom... weiterlesen...

Ein Familienhaus

Das schlanke Gebäude mit dem flachen Satteldach streckt sich von... weiterlesen...

Ein Büro wie ein Baum

Hier gibt es kein Gramm Styropor, das ist eines der... weiterlesen...