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In Lustenau geht’s rund

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Klar strukturiert und doch so vielschichtig erlebbar ist der Holzbau mit den Durchblicken von der Zugangsseite im Norden zum Garten im Süden und den Übergängen vom Innenraum zur Natur draußen.

Beim Wettbewerb für den Kindergarten im Lustenauer Ortsteil Rheindorf konnte sich das Architektenduo Susanne Bertsch und Philipp Berktold, auch privat eine Familie mit kleinen Kindern, mit ihrem Entwurf gegen die große Konkurrenz durchsetzen. „Wir sind eigentlich stolz darauf, dass der Kindergarten heute genau so dasteht, wie damals vorgeschlagen“, sagt Philipp Berktold. Das Konzept definiert mit einem klar strukturierten Längsbau ein neues Ortsteilzentrum der rad- und fußläufigen Erschließungsachse entlang, die den Kirchturm fokussiert. Es gibt keine Vorder- oder Rückseite. Der Baukörper öffnet sich mit großen Glasflächen nach Norden zum Straßenraum, hier ist das Foyer. Glas genauso nach Süden, wo sich die vier Gruppenräume mit vorgelagerten, duchlaufenden Terrassen zur Gartenlandschaft hin orientieren. Die Schmalseiten verstärken die Körperlichkeit mit der geschlossenen Hülle: Nach Westen ist ein schopfartiger Außentreppenraum angehängt, nach Osten, zur Zufahrt, haben die Räumlichkeiten abstrakte Öffnungsschlitze.

Die Eingangszone beginnt schon im Außenraum. Den sandgestrahlten Sichtbetonvorplatz mit großzügiger Möblierung und Bepflanzung begleitet die endlos lange Friedhofsmauer, gleichzeitig Galeriewand. Raumhohe Verglasungen lassen in die Garderoben vor den Gruppenräumen durchblicken. Das Foyer wird zum öffentlichen Platz, von dem aus auch das Ortsteilbüro, der Mehrzweckraum und das Untergeschoß mit Nebenräumen erreichbar sind. Sichtbare Abtrennung vom Kindergartenteil ist nur eine Kette, für den Abend, Strom- und Heizkreis sind jedoch für beide Funktionen getrennt.

Die vier Gruppenräume, mit je einem dazwischen liegenden flexiblen Bereich, verteilen sich auf zwei Geschoße. Bewegungsraum, Ruhezone und Kindergartenbüro liegen über dem öffentlichen Bereich im Osten. Die geschwungenen, freistehenden Garderobenskulpturen verbergen spielerisch die Waschräume. Wieder sind Durchblicke über Oberlichten in die Gruppenräume und weiter in den Garten möglich. Die tragenden Wandscheiben sind im letzen Streifen zur Terrasse hin verglast, damit wird die gesamte Raumflucht der Länge nach noch einmal transparent.

Das Farbkonzept ist pragmatisch: Material ist Farbe. Farbtupfer in Blau- bis Grüntönen sind nur beim Spielnest und der Gruppenküche erlaubt. Ansonsten gibt es ausschließlich sägeraue Oberflächen aus heimischer Weißtanne. „Es war wichtig, das Vertrauen der Gemeinde gewinnen zu können. Die Baugruppe hat sich aber genau informiert über die Erfahrungen im Land, vor allem mit sägerauen Böden“, so der Architekt. Die höher strapazierten Gangflächen und Treppen sind zurückhaltend grau, in geschliffenem Estrich ausgeführt. Der kompakte Holzbau – bis auf den Keller in Beton und Holzverbunddecken – ist nicht nur ökologisch, sondern auch sehr ökonomisch, und die Photovoltaikanlage am Dach produziert sogar Überschüsse.

Großzügig war man von Gemeindeseite auch bei der Anlage der Spielräume. Die Freiraumgestaltung ist mit der Architektur verschmolzen, ein Garten mit vielfältigen Spiel- und Erlebnisorten: Dem Kindergarten zugeordnet ist ein Freiluftzimmer, das sich aus drei „Holzbiegen“ formiert und mit eingesetzten Stahlrahmen Fenster zum Durchgucken übrig lässt. Das Kinderhaus, etwas höher, schmaler als erwartet, aus Holz, mit Plattform und anschließender Sandkiste, lädt zum Spielen bei jedem Wetter ein. Um die rotlaubige Zierkirsche windet sich eine Rundbank zum Rasten und zusammen Warten. Drei „Ackerstreifen“ werden mit Sonnenblumen, Mohn, Getreide, Raps, Stangenbohnen bepflanzt und es gibt ein Quasi- Waldstück mit mehrstämmigen Hainbuchen. Verbindendes Element aller Zonen ist „ein roter Faden“, der Rundweg, – oder doch die Rallyebahn für die beliebten Bobbycars. Die Abgrenzung zum öffentlichen Spielplatz ist sehr dezent: Schaukel und Spiel(Rodel)hügel können vom Kindergarten mitbenützt werden, die Blumenbeete setzen sich in einer Linie auch nach dem niedrigen Zaun fort. Naschhecke und drei Obstbäume bieten Erntemöglichkeiten für alle. Das Labyrinth mit Riesenschilf, der höher als ein Maisfeld wird, regt zum Verstecken an.

Große Zufriedenheit macht sich allseitig breit, denn mit dem neuen Kindergarten und den Möglichkeiten für das Gemeinschaftsleben im Ortsteil Rheindorf ist ein weiterer wertvoller Schritt zur Gemeindeentwicklung in Lustenau getan.

Daten & Fakten

Objekt: Kindergarten Rheindorf Bauherr: Marktgemeinde Lustenau Architektur: Berktold Bertsch Architekten, Susanne Bertsch, Philipp Berktold, Dornbirn Landschaftsarchitektur: Barbara Bacher, Linz Ingenieure/ Fachplaner: Statik: Merz Kley Partner, Dornbirn; Bauleitung: Flatschacher Bau, Hohenems; Bauphysik: Lothar Künz, Hard; Heizung Lüftung Sanitär-Planung: Werner Cukrowicz, Lauterach; Elektroplanung: Walter Bischof, Tschagguns Wettbewerb: 2010–2011 mit 26 Architekturbüros
Planung: 2011–2013
Bauzeit: 2012–2013
Grundstück: 2686 m²
Nutzfläche: 1085 m²
Bebaute Fläche: 670 m²
Umbauter Raum: 5299 m³ Bauweise: konstruktiver Holzbau, Fassade und Innenflächen sägeraue Weißtanne
Energie: Heizwärmebedarf 26 kWh/m² im Jahr (Passivhausstandard); Energieausweis für Kommunalgebäude: 0,90 kWh/m² im Jahr
Ausführung: Generalunternehmer: Baukultur GmbH, Schwarzenberg

Quelle: VN/ Leben & Wohnen. Autor: Martina Pfeifer Steiner. Fotos: © Darko Todorovic

Für den Inhalt verantwortlich:
 vai Vorarlberger Architektur Institut Architekturvermittlung, direkt am Schauplatz, bietet das vai Vorarlberger Architektur Institut mit der monatlichen Architekturführungsreihe Architektur vor Ort an. Dieser Kindergarten wurde bereits im Herbst 2013 vorgestellt. Ausführliche Dokumentationen von allen Projekten, Fotos der Besichtigungen, sowie die Kollektion 2014 sind auf v-a-i.at zu finden.

 

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

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