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Vier Wohnzimmer mitten im Park

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Rund 90 Drei- bis Sechsjährige besuchen den neuen Kindergarten in Dornbirn-Markt. Die aus 13 Nationen kommenden und sich in dementsprechend vielen Muttersprachen verständigenden kleinen Buben und Mädchen verbringen teilweise bis zu elf Stunden täglich hier, weshalb es von größter Wichtigkeit ist, wie kindgerecht und inspirierend dieses zentrale Lebensumfeld gestaltet bzw. gebaut ist. Und wie man das – noch dazu in innerstädtischem Umfeld – besser kaum machen kann, führen Marte.Marte Architekten hier vor. Kein Wunder, dass sie mit ihrem klug durchdachten Projekt den 2013 von der Stadtgemeinde Dornbirn ausgeschriebenen Architektenwettbewerb gewonnen haben. Mit einem Entwurf, der gleichermaßen als „Öffnung nach innen und außen“ angelegt ist, so die Architekten. Um einem ehemaligen Unort ein parkähnliches Ambiente zu verpassen, das nicht nur fein ist für die Kinder, die hier einen so wichtigen Teil ihrer Lebenszeit verbringen, sondern für alle Menschen, die diesen öffentlichen Erholungsraum nutzen.

Für den Bauplatz, der teilweise auf städtischem Grund, teilweise auf dem des Kapuzinerklosters liegt, mussten die alte Klostermauer und zwei desolate Nebengebäude weichen. Die Grenze zum Kloster hin markiert nun eine neue Mauer, anstelle des abgebrochenen alten Wirtschaftsgebäudes wurden ein neuer Geräteschuppen und ein überdachter Sitzplatz gebaut.

Der Kindergarten, in dessen Erdgeschoß sich auch Räume für den Gemeindeverband befinden, steht – städtebaulich raffiniert von der Marktstraße zurückversetzt – zwischen dem Kloster und dem Vorarlberger Gemeindehaus. Nähert man sich von der Straße dem Haus, kommt dieses als flacher, zweigeschoßiger Riegel daher, um erst bei seiner Umgehung zu bemerken, dass sein Grundriss annähernd quadratisch ist, raffiniert durchschlitzt von einem schmalen Innenhof. Der Vorplatz ist urban gepflastert. Hier befindet sich auch der Eingang zu den Büro- und Sitzungsräumen des Gemeindeverbands, während man, um zu jenem des Kindergartens zu kommen, die rechte vordere Ecke umgehen muss.

Um auf diese Weise in ein freies, fast parkartiges Ambiente einzutauchen, wo Innen und Außen durch raumhohe Fenster fast nahtlos ineinander übergehen. Unten wird gegessen, geturnt und gelernt, spielt sich sozusagen das „öffentliche“ Leben der Kinder ab, während sich die eher intimen „Wohnräume“ der vier Kindergartengruppen im Obergeschoß befinden. Gruppiert um ein zentrales, ganzjährig als multifunktionaler Outdoorspielraum nutzbares Atrium. Jeder der Gruppen ist eine spezielle Farbe zugeordnet. Wodurch u.a. in der Form von Kleinmöbeln eine reizvoll „bunte Landschaft“ entsteht, so die für das Farbkonzept zuständige Monika Heiss. Was nicht ganz zufällig an die Farbmarker von Bienenhäusern erinnert. Die Gänge zum Atrium hin fungieren als Begegnungsräume, jedem der eigentlichen Gruppenräume ist außerdem ein nach außen offener weiterer Raum zugeordnet. Wodurch sich die unterschiedlichsten Durch- und Ausblicke ergeben, nicht zuletzt deshalb, weil viele der Wände aus Glas sind.

Erschlossen wird das Obergeschoß mittig durch eine Stiege aus Holz. Eines der Materialien, das Marte.Marte neben Sichtbeton und Glas beim Kindergarten Markt genügt. Verblüffend lapidar ist auch das Leitsystem, indem die Informationen einfach an die Wände geschrieben sind. Zwar nicht von Kindern eigenhändig, aber als Vergrößerung von von ihnen Geschriebenem. Um sich an den Wänden der Tiefgarage, mit der das Gebäude sozusagen unterkellert ist, zu verselbstständigen. Dessen Wände wie ein schräges Bilderbuch daherkommen, bemalt und bekritzelt zu einem eindrucksvollen Manifest des Kindseins.

Richtung Westen ist dem Haus ein riesiger, fein durchwegter Spielplatz vorgelagert, der außerhalb der Öffnungszeiten des Kindergartens frei zugänglich ist. Genauso wie die rund um das Gemeindehaus angelegte Parkanlage mit ihren teilweise uralten Bäumen, die zu schützen im Rahmen des Neubaus gar nicht so einfach war. Unter diese Naturdenkmäler wurden 4000 Trichterfarne gesetzt, daneben junge Linden, die noch Zeit zum Wachsen brauchen.

Daten & Fakten

Objekt Kindergarten Dornbirn-Markt Architektur Marte.Marte Architekten, Feldkirch www.marte-marte.com Fachplaner Landschaftsplanung: LandRise, Hörbranz; Bauleitung: Tschabrun, Schlins; Farbkonzept: Monika Heiss, Dornbirn; Statik: M+G, Feldkirch; Prüfstatik: gbd, Dornbirn; Geotechnik: 3P, Wien; Bauphysik: Günter Meusburger, Schwarzenberg; Elektro: Hiebeler-Mathis, Hörbranz; Heizung, Sanitär, Lüftung: Werner Cukrowicz, Lauterach Ausführung Baumeister: i+R Bau, Lauterach; Außenanlage: Anton Moosbrugger, Hörbranz; Heizung, Sanitär: Markus Stolz, Bregenz; Lüftung/Klima: Berchtold, Dornbirn; Elektro: Rist, Wolfurt; Spengler: Tectum, Hohenems; Maler: Micheluzzi, Lauterach; Fenster/Türen: Heinrich Manahl, Bludenz, Lenz-Nenning, Dornbirn; Decken: Rene Bechtold, Weiler; Holzböden: Wohnfloor, Bludenz Planung 7/2013–12/2016 Ausführung 4/2015–12/2016 Bebaute Fläche 967 m² Bruttogeschoßfl. 3165 m² Nutzfläche 1606 m² zzgl. 1160 m² Tiefgarage Konstruktion Massivbauweise; Sichtbeton mit Glasfassade und Holz Ausbau Böden, Wandverkleidungen und Decken aus Holz Energiekennwert 21 kWh/m² im Jahr (Heizwärmebedarf) Baukosten ca. 6 Mill. Euro

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich: vai Vorarlberger Architektur Institut Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

Quelle: http://www.vol.at/vier-wohnzimmer-mitten-im-park/5270864

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