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Vom Wert der Dinge

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Kultur wird von Menschen gemacht. Dafür braucht es lebendige Strukturen. Die Kennzeichnung „Montafoner Baukultur“ ist ein kleines Puzzlestück in diesem großen Ganzen, das sich dem Erhalt und der sinnvollen Weiterentwicklung der Kulturlandschaft widmet. Besonders wertvolle historische Gebäude aus dem gesamten Spektrum der Montafoner Baukultur, die in gutem Bauzustand erhalten oder fachgerecht restauriert wurden, werden seit 2015 alle zwei Jahre mit diesem Signet gekennzeichnet. Im September ist es wieder so weit. Unter den nominierten Projekten ist auch das Haus Seifert. Die Nutzung eines Gebäudes abseits des Alltags – sprich als Ferienhaus – ist für eine lebendige Kulturlandschaft vielfach problematisch und Teil der aktuell geführten Debatten um Leerstand in Vorarlberg. Auch dieses Haus ist nicht kontinuierlich bewohnt. „Es ist ein Ferien- und Wochendhaus, das wir jedochwirklich viel nützen, sowohl ich als auch meine Geschwister mit ihren Familien und Freunden. Wir teilen uns die Wochenenden im Jahr auf und sind sporadisch auch unter der Woche da. Liebe Nachbarn, die selbst Bezüge zu diesem Haus haben, kümmern sich in Zeiten unserer Abwesenheit darum“, erzählt Christian Seifert. „Die Geschichte des Hauses ist mit unserer Familiengeschichte verbunden, konkret mit der Mutter. Als Frau mit Montafoner Wurzeln hat sie das Haus in den 1970er Jahren erworben und als Rückzugsort geschätzt. Um ihre und unsere Geschichte im Montafon fortzuschreiben, haben wir uns auf den Weg der Sanierung des Gebäudes begeben.“

Über viele Jahre wurde hier nur wenig verändert, Verfallserscheinungen waren deutlich sichtbar, eine umfassende Renovierung für eine weitere Nutzung unumgänglich. Die Familie entschied sich für professionelle Begleitung und kontaktierte Klaus Wanko als Architekten. Bauen im Bestand erfordert von Bauherrschaft wie auch von Baufachleuten viel Geduld und den Willen, sich intensiv mit dem Vorhandenen zu beschäftigen. „Die Bauzeit war außerordentlich lang, fast zwei Jahre haben wir gearbeitet. Viele Detaillösungen konnten erst vor Ort und nach Besprechungen mit den Handwerkern gefunden werden.“

Strukturell ist das Gebäude ein Wohnhaus geblieben. Die Stube wurde aufwendig saniert. Obligatorisch sind der Kachelofen und der Montafonertisch mit Eckbank. „Wir haben so viel original erhalten wie möglich.“ Wie bei fast jedem Gebäude bedeutet Originalität hier nicht, dass alle baulichen Details aus nur einer zeitlichen Periode stammen. Es gab viele Veränderungen im Haus, die sich auch deutlich ablesen lassen. Die für jedes historische Haus so wichtige Proportionalität konnte gewahrt bleiben, indem die Öffnungen – Türen und Fenster – erhalten bleiben konnten. Dort wo Veränderung notwendig war, weil die Substanz schon zu schwer beeinträchtig war, entschied man sich für eine klar ablesbare Zäsur. „Was neu ist, ist als neu erkennbar. Wir haben nicht historisiert.“ So ist die ehemalige Rauchküche einer modernen Küche gewichen. Ein Umbau – realisiert als Ständerbau mit Dämmung und Holzschirm – mit zweigeschoßiger Raumhöhe bringt Licht und Weite ins Gebäude. Der Holz- und Kleintierschopf konnte so erhalten bleiben und damit auch die Gestalt des Hauses nach außen. Eine kleine Terrassenanlage und ein offener Balkon bringen hohe Lebensqualität. Die Kleinräumigkeit wurde belassen und nur im Küche/Essbereich und im ersten Geschoß als offene Erschließungszone aufgegeben. Drei Schlafbereiche in unterschiedlichen Größen und moderne Sanitäranlagen bringen den gewünschten Komfort. Überall sonst wurden die Ecken und Kanten des Gebäudes wertschätzend belassen. „Wer durch Türen geht oder die Aussicht durchs Fenster genießen will, muss sich hier auch einmal ducken. So ist das in einem alten Haus.“ Auch das Stallgebäude wurde erhalten, ebenso der gemauerte Steinkeller.

Hier wurde nicht „totsaniert“. Eine Kultur der Kitsch-Deko, die sich sowohl in unsachgemäß restauriertem Mauerwerk wie der Zerstückelung alter Stuben zeigt, ästhetisiert und idealisiert das Alte. Die Frage nach dem „Wert“ von etwas aber liegt im Verstehen: Wofür und wie wurde etwas gemacht? Wie wurde etwas genützt? Was ist davon erhaltenswürdig? Was kann weiterverwendet werden? Diese Fragen hängen nicht nur mit dem materiellen oder historischkulturellen Wert der Dinge zusammen, sondern auch mit den Wertvorstellungen ihrer heutigen Nutzer(innen).

Familie Seifert hat mit der Restaurierung und Adaptierung ihres Hauses ein gelungenes Beispiel für eine fachgerechte und nutzungsorientierte Sanierung geliefert, das zeigt wie engagierte Bauherren und die Allgemeinheit ein Stück Montafoner Baukultur erhalten können.

Daten & Fakten

Objekt Haus Seifert, Wohnhaus, Panoramastr. 25, 6781 Bartholomäberg, Gstnr. 806/2, BP .200 Eigentümer/Bauherr Elisabeth und Christian Seifert Architektur Klaus Wanko, 6800 Feldkirch Fachplaner Elektroplanung, Heizung und Sanitär: Fa Wilu, Schruns Planung/Ausschreibung Jänner 2014 – Juni 2014 Ausführung Juli 2014 – April 2016 Grundstücksgröße 610 m² Wohnnutzfläche EG/OG 123,30 m², Keller ca. 20,0 m² Ausführung Baumeister: Bitschnau Augustin, Bartholomäberg; Zimmerer: Zimmerei Berchtel, Schnifis; Fritz Holzbau, Bartholomäberg; Erneuerung; Schindeldach: Lins-Dach, Feldkirch; Spengler: Spenglerei Ganath, Feldkirch, Spenglerei Zerlauth, Feldkirch; Fenster: Bestandsfenster + Hartmann-Fenster, Nenzing; Innenausbau: Zimmerei Berchtel, Schnifis; Böden: Böden Tammer, Feldkirch; Maler-und Verputzarbeiten: Maler Hoch, Feldkirch; Küche: K10 design, Frastanz; Möblierung: Vorschlag und Herstellung der gesamten Essund Schlafzimmermöblierung von der Tischlerei Bereuter, Lingenau Baukosten ca. 380.000 Euro

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich: vai Vorarlberger Architektur Institut Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

Quelle: http://www.vol.at/vom-wert-der-dinge/5401410

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