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Wohntablett auf der Kuhwiese

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41 Jahre lang war Helmut Brandner der Leiter der Schule der idyllischen Dornbirner Bergparzelle Winsau. Etwa 250 Menschen leben hier in drei Dutzend Häusern, zu denen vor zwei Jahren ein weiteres dazugekommen ist. Gebaut von Sebastian Brandner für seine Eltern, die bis zur Pensionierung von Helmut Brandner im direkt neben der Schule stehenden Lehrerhaus gewohnt haben und sich nun überlegen mussten, wo sie weiterhin leben wollten. Ob sie sich vielleicht in Dornbirn eine Wohnung suchen sollten oder in Winsau bleiben, in dessen dörfliches Leben Helmut Brandner weit über den Beruf hinaus integriert ist. Und da sowohl er als auch seine Frau in einem Einfamilienhaus aufgewachsen sind, war es schon lange ihr geheimer Traum, eines zu bauen. Ein Traum, der finanziell zu stemmen war, da Helmut und Angelika Brandner bereits vor 30 Jahren in Winsau ein Grundstück gekauft hatten. Wohl wissend, was für ein Privileg es ist, so leben zu können.

Die Planung ihres Hauses vertrauten die Brandners ihrem Sohn an, der, obwohl Architekt, noch nie ein Haus gebaut hat. Es sei sozusagen sein „Gesellenstück“, sagt der 34-Jährige, der nach Studium und Karriere als Profifußballer heute hauptberuflich Tormanntrainer beim SCR Altach ist. Was er noch einige Jahre bleiben will, obwohl die Architektur seine ganze „Leidenschaft“ sei, der er hier ziemlich frei frönen konnte. Hätten seine Eltern doch viel Vertrauen in ihn gesetzt, ihm große Freiheiten gelassen, limitiert durch nur wenige Vorgaben. So war dem Vater das Thema Barrierefreiheit sehr wichtig, während die Mutter ihr Leben lang von einem eigenen Nähzimmer, einer großen Küche und einem Pool geträumt hat.

Das Grundstück, auf dem das Haus Brandner steht, ist 751 Quadratmeter groß und leicht abfallend. Gelegen am Rand der örtlichen Bebauung, sich scheinbar grenzenlos öffnend zu riesigen Wiesen, auf denen im Sommer die Kühe grasen. Da es in Winsau viel schneit, hat Sebastian Brandner den Baukörper auf ein 40 Zentimeter hohes, von rostigen Stahlträgern befestigtes „Tablett“ gestellt, wodurch er fast zu schweben scheint. Erschlossen durch wenige Stufen und schmale Stege, was bezüglich Barrierefreiheit naturgemäß einigermaßen problematisch ist, falls notwendig durch den Einbau von Rampen allerdings leicht zu ändern ist.

Zur Straße hin gibt sich der unterkellerte Bungalow abweisend geschlossen. Was nicht zuletzt der langsam zu rosten beginnenden Stahlwand geschuldet ist, die Sebastian Brandner wie einen Vorhang an die westseitige Hausmauer gehängt hat und in die nur zwei Öffnungen – eine für die Eingangstüre und eine für das Garagentor – geschnitten sind. In alle anderen Richtungen öffnet sich das Haus durch meist raumhohe Fenster zu großzügigen, mehr oder weniger geschützten Terrassen. Die Außenwände sind aus 50 Zentimeter dicken Ziegeln gebaut, die Innenwände inklusive der Decken aus vom Architekten eigenhändig geschliffenem Sichtbeton.

Die 128 Quadratmeter Wohnfläche sind in einen großen Wohn-, Ess- bzw. Küchenbereich sowie ein kleines Schlafzimmer, ein Nähzimmer und ein Bad geteilt. Beim Innenausbau ist jedes Detail von Sebastian Brandner entworfen. Die hölzernen Schiebetüren laufen ebenso wie das Bücherregal in massiven Stahlrahmen, die Arbeitsplatte, die auf dem Küchenblock liegt, ist aus 350 Kilogramm dunkel gefärbtem Beton gegossen. Im Schlafzimmer bildet eine gelochte Stahlwand eine Barriere zu einem kleinen Schrankraum, das Bad ist mit grauen Natursteinplatten verkleidet.

Der Lieblingsort der Hausherrin ist allerdings der Richtung Norden liegende betonierte Pool mit fein geschliffenen Innenwänden. Eine Extravaganz für Winsau genauso wie das ganze Haus, in dem nichts von der Stange, alles maßgefertigt ist. Oft von ehemaligen Schülern des Hausherrn, die sich für ihren ehemaligen Herrn Lehrer offensichtlich ganz besonders ins Zeug gelegt haben. Der allerdings im Vorfeld so manche Diskussionen führen musste, um dieses Haus überhaupt bauen zu dürfen. Nicht zuletzt wegen seines Flachdachs, das in Winsau – noch – absolut unüblich ist.

Daten und Fakten

Objekt: Haus Brandner, Dornbirn-Winsau

Eigentümer/Bauherr: Angelika und Helmut Brandner

Architektur: DI Sebastian Brandner, Dornbirn, sb@brandnergrabner.at

Statik: DI Peter Nagy, Dornbirn

Fachplaner: Bauleitung; BM Michael Pfanner, Sulzberg; Geotechnik 3P, Bregenz

Planung: 12/2012–7/2013

Ausführung: 9/2013–11/2014

Grundstücksgröße: 751 m²

Wohnnutzfläche: 128 m²

Bauweise: Ziegelmauerwerk, Beton und Stahl

Besonderheiten: weiß lackiertes Täfer in den Wohnräumen mit integrierten Wandschränken; Küche: Sonderfertigung Schreiner; Ausführung mit großem Anteil Eigenarbeit

Ausführung: Rohbau: Wälderbau, Schwarzenberg; Fenster: Böhler, Wolfurt; Verputz: Ömer, Lauterach; Heizung/Sanitär: Engel, Dornbirn; Elektro: Stromgalerie Schwendinger, Dornbirn; Innenausbau: Klaus Meusburger, Dornbirn-Winsau, Raimund Dür, Alberschwende, Wohlgenannt Raum+Textil, Dornbirn, Betonmanufaktur Kleeblatt, Altach; Stahl: Waldmetall Bechter, Hittisau; Dach: Gunter Rusch, Alberschwende; Kamin: Helmut Baurenhas, Alberschwende; Ofen: Peter Steurer, Langen; Bad: Elisabeth Rein, Dornbirn; Isolierungen; Martin Lechleitner, Dornbirn

Energiekennwert: 42 kWh/m² im Jahr

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich: vai Vorarlberger Architektur Institut Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

Quelle: http://www.vol.at/wohntablett-auf-der-kuhwiese/5320392

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